Der feurige Hund zu Schandau

Der älteste Theil der Stadt Schandau heißt die Zauka und hat seinen Namen von dem gleichnamigen Dorfe, welches auf der westlichen Seite derselben gegen die Wendische Fähre theils nach der Stadt herein, theils längs dem mit Häusern besetzten Zaukengraben zwischen zwei Bergen nach Altendorf sich hinzog.

Hier liegt auch der Kirchhof: auf dem nahe dabei und oberhalb des Marktes sich erhebenden Berge, dem Kiefericht, stand früher ein Schloß, welches der Sitz der Birken von Duba gewesen sein soll und von dem nicht blos noch einige Ruinen übrig sind, sondern wo sich auch heute noch zuweilen eine weiße Jungfrau sehen lassen soll, die übrigens Niemandem etwas zu leide thut.

Früher lief aber in jeder Nacht um die zwölfte Stunde von jenem Schlosse aus durch den Zaukengrund die Stadt entlang bis in den Kirnitzschgrund und von da in die Schloßruinen zurück ein kohlschwarzer, zottiger Hund mit feurigen Augen, von dem man erzählte, daß in dieser Gestalt der Geist eines Freiherrn von Duba umgehe, der sich durch seine Unmenschlichkeit, Wollust, Raubsucht und Geiz vorzüglich ausgezeichnet habe, aber nachdem er einst bei theuerer Zeit die Armen, welche um ein Stückchen Brod gebeten, mit Hunden von seinem Schlosse habe weghetzen lassen, plötzlich gestorben, in diesen Hund verwandelt und zum ruhelosen Herumirren als solcher verdammt worden sei.

Da trug es sich nach langen, langen Jahren zu, daß eine gewisse Anna Büttner (um 1700-1710), der ihr Vater gestorben, dessen einziges geliebtes Kind sie gewesen war, gegen Abend auf den Kirchhof ging, um an dem frischen Grabe des theuern Verstorbenen zu beten, und von Kummer niedergedrückt nicht darauf achtete, daß es immer finsterer ward, so daß sie die Mitternachtstunde noch weinend bei den Gräbern der Abgeschiedenen fand.

Siehe da erschien auf einmal der feurige Hund, aber nicht drohend und furchtbar wie sonst, sondern setzte sich still und traurig auf einen benachbarten Grabhügel, und das fromme Mädchen, welches ahnen mochte, daß diesen verwünschten Geist wohl ein größeres Herzeleid als sie selbst drücken möge, entfloh nicht, sondern trat zu ihm hin und streichelte ihn, ja sprach ihm Worte des Trostes ein, und siehe der Hund ward ganz freundlich und sprang wedelnd um sie herum, leckte ihre Hände und schien ihr aus seinen jetzt nicht mehr wild leuchtenden Augen sagen zu wollen, daß ihre Theilnahme ihm die Erlösungsstunde gebracht habe.

Soviel ist gewiß, seit diesem Tage ist der Hund nicht mehr gesehen worden.

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Autor: Johann Georg Theodor Grässe
Titel: Der feurige Hund zu Schandau
aus: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 1. S. 181–182
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