Die einzige Eroberung des Königsteins

Eroberung des Königstein.

Es war im Herbste des Jahres 1848, als ich die sächsische Schweiz und mit ihr auch den Königstein, jene interessante, 1400 Fuß hohe, im In- und Auslande allbekannte Felsenveste, besuchte. Mein Führer nannte mir die Unglücklichen, die hier gefangen gesessen, zum Theil auch ihr Leben verloren hatten, und eben standen wir an jener Stelle, wo der berüchtigte Alchymist Klettenberg die Schuld, einen Fürsten betrogen zu haben, mit dem Leben bezahlen mußte. – In tiefes Sinnen verloren, folgte ich meinem Begleiter. Jene Zeit, in der sich Aberglauben und Dummheit mit frecher Sittenlosigkeit paarte, stand lebhaft vor meiner Seele. Welche Finsterniß mag in den Köpfen geherrscht haben, als dieser freche Charlatan seinen König um einige Millionen Thaler ärmer machte! Welchen Dank verdienen nicht besonders die Männer, welche die Natur dem Volke verständlich zu –

„Und hier ist auch der Ort, wo im März dieses Jahres der Schornsteinfeger in die Festung eingestiegen ist.“

Mit diesen Worten weckte mich der Führer aus meinen Träumen auf. – Ich trat an die Brustwehr und schaute in die mehrere hundert Fuß messende Tiefe hinab.

„Wie ist das aber möglich? Wie kann ein Mensch an diesem steilen Felsen heraufklettern?“

„Ja, uns ist’s auch ganz unglaublich vorgekommen, und doch ist’s an dem. Sehen Sie, da in jener Felsspalte ist er heraufgestiegen, dort auf dem Vorsprunge außerhalb der Brustwehr hat er ausgeruht und dann ist er vollends hereingesprungen. Alles am hellen lichten Tage.“

Wieder sah ich in die Tiefe. Es durchrieselte mich eiskalt. – Die steile Felswand ist an dieser Stelle, es ist die dem Städtchen Königstein und der Elbe zugewendete Ostseite, gegen 400 Fuß hoch; mehrere Kirchthürme aufeinander gesetzt würden nicht heraufragen, und da ist ein Mensch herangekommen! –

Zehn Jahre später fuhr ich, von Prag kommend, mit dem Dampfschiffe der sächsischen Hauptstadt zu. Wieder sah ich den Königstein und gedachte seiner seltsamen Ersteigung. Ich trat an die Brüstung des Dampfbootes und maß mit den Augen die Höhe des Felsens. Fast wollte mir’s vorkommen, als habe ich ein Märchen erzählen hören. Neben mir stand ein junger Mann und schaute ebenfalls zur Festung hinauf. Zu ihm wandte ich mich:

„Halten Sie es für möglich, jenen Felsen zu ersteigen, ohne auf dem gewöhnlichen Wege hinaufzugelangen?“

„Warum nicht? Vor zehn Jahren habe ich den Versuch selbst gewagt.“

Erstaunt sah ich meinen Nachbar an. Seine Gestalt war klein, aber kräftig; er mochte etwa dreißig Jahre alt sein. Ich glaubte, er habe mich nicht recht verstanden, und erklärte ihm, daß ich den Königstein meine.

„Ganz recht, gerade von hier aus kann ich Ihnen die Spalte zeigen, in der ich hinaufgeklettert bin.“

„Sie sind also der Schornsteinfeger, der –“

„Ja wohl, der bin ich, und wenn Sie mich anhören wollen, so erzähle ich Ihnen die ganze Geschichte.“

Mit großem Danke nahm ich dies freundliche Entgegenkommen an. Wir rückten unsere Sessel zusammen, brannten frische Cigarren an und mein Nachbar begann:

„Ueber meine erste Lehrlings- und Gesellenzeit brauche ich Ihnen wohl nicht viel erzählen. Die Schornsteinfegerjungen sind alle wilde und verwegene Buben, ich aber war einer der wildesten und übertraf sie alle an tollkühnen Stückchen. Meine Meister konnten mich wohl gebrauchen, aber meine tollen Streiche gefielen ihnen weniger, und so war ich denn viel auf der Wanderschaft. So war’s denn auch im Jahre 1848. Die Eltern waren mir inzwischen gestorben; wollte ich nicht hungern, so mußte ich Arbeit suchen. Eben wurde die sächsisch-böhmische Eisenbahn gebaut, da wollte ich mit helfen und bekam auch hier im Städtchen Königstein Arbeit zugesichert. Gänzlich ohne Geld war ich Sonnabends angekommen, und erst künftigen Montag sollte das Verdienen beginnen. Wovon einstweilen leben? Mit vieler Mühe gelang es mir endlich, im Gasthofe ein Unterkommen zu finden und gegen Abgabe meines Passes etwas Essen zu erhalten. Mit schwerem Herzen schlief ich auf meiner Streu ein.

„Bei meinem Erwachen fand ich mich von meinen Schlafgenosscn verlassen. Es war ziemlich spät; die Glocken läuteten bereits in die Kirche. Ich hatte nichts zu versäumen und überlegte, wie ich den Sonntag verbringen wollte. In die Gaststube wagte ich mich nicht, weil ich nicht bezahlen konnte – leise schlich ich mich in das Freie, um mir die Gegend genauer anzusehen. Vor mir lag die Festung und erregte meine vollste Aufmerksamkeit. Ich stieg darauf los und fragte die mir begegnenden Leute, ob man in die Festung dürfe. Wer Bekannte oben habe, hieß es, oder 1 Thlr. 10 Ngr. zahle, der könne hinein. – Mir fehlte das Eine, wie das Andere; ich begnügte mich deshalb mit der äußeren Ansicht und sprang, ich war damals achtzehn Jahre alt, ohne mich um den Weg zu kümmern, den untern Berg hinauf. Bald stand ich auf dem sogenannten Patrouillenwege, am Fuße des hohen Sandsteinfelsens, auf dem die Festung erbaut ist. Wie Sie von hier aus sehen können, ist’s die Ostseite und zugleich die steilste Felsenpartie.

„Ich blickte an der Felswand hinauf und gedachte eines Gesprächs, das einst während meiner Lehrzeit zwischen Meister und Gesellen geführt wurde. Sie redeten vom Königstein und der Gesell behauptete, es sei möglich, in die Festung zu kommen, ohne auf dem gewöhnlichen Wege durch’s Thor zu gehen. Mein alter Meister schüttelte den Kopf; es kam ihm unglaublich vor. Ich hörte still zu. – Jetzt stand ich vor der Felsenwand und sah darin die Risse und Spalten, von denen damals der Gesell gesprochen hatte. – Wie der Blitz fuhr mir der Gedanke durch die Seele, gleich auf der Stelle hinaufzusteigen. Das konnte ein Mittel werden, alle meine Verlegenheiten zu beseitigen. – Ich komme glücklich hinauf; man lacht, wundert sich darüber, gibt mir zu essen, vielleicht belohnt man mich sogar für mein Wagniß mit Geld. Und wenn mir das Glück recht günstig, so treffe ich dort oben meinen Bruder, der Soldat war.

„Ich rüste mich zum Aufsteigen. Genau besehe ich die Felsenrisse; nur einer führt bis hinauf; er ist oben mit der Brustwehr überwölbt – einmal dort, werde ich mich leicht über die niedrig scheinende Mauer hinwegschwingen können. Die Stiefeln würden mich beim Steigen hindern; ich entledige mich ihrer, binde sie zusammen und hänge sie um den Hals, so daß sie an der Brust liegen. Meinen Stock, den ich mir kurz zuvor im Walde abgeschnitten, lehne ich neben den Felsenriß und klettere nun in demselben wie in einem Schornsteine hinauf.

„Ich weiß nicht, lieber Herr, ob Sie einmal einen Schornsteinfeger haben steigen sehen? Wir gebrauchen dabei besonders die Kniee, stemmen sie gegen die Vorderwand, mit dem Rücken lehnen wir uns fest an die Hinterwand und schieben uns so die Esse hinauf. Die Hände gebrauchen wir dabei weniger, die haben mit dem Besen zu thun. Auf diese Weise stieg ich im Risse in die Höhe. Er mochte im Durchschnitt etwa 1½ Elle breit sein, wurde manchmal schmäler, erweiterte sich aber auch zuweilen bis zu zwei Ellen. Vor und hinter mir hatte ich Felsen, linker Hand das Elbufer und rechts den immer enger werdenden, sich im Felsen verlaufenden Riß. So viel als möglich suchte ich an der Außenseite des Felsensprunges zu klettern, da er nach innen zu naß und schlüpfrig wurde.

„Die Kräfte waren noch frisch; ich stieg im Anfange rasch vorwärts und war schon ein hübsches Stück in die Höhe, als es im Städtchen zehn Uhr schlug. Hier und da wuchsen auf meinem Wege kleine Gebüsche, besonders Stachelbeersträucher. Beim geringsten Versuche, mich daran festzuhalten, gaben sie nach und stürzten in die Tiefe hinab; sie waren im Felsen zu locker eingewurzelt. Immer höher stieg ich; aber auch immer öfter mußte ich innehalten, um neue Kraft zu gewinnen. So bin ich etwa die Hälfte hinauf, – da stoße ich auf einen Sandsteinblock, der im Risse klemmt. Wahrscheinlich war er beim Baue der Brustwehr heruntergefallen und hier hängen geblieben. Ich versuche, ob er fest liegt, trete darauf, setze mich, er wankt nicht. Neuer Muth durchströmt meine Adern; ich kann ausruhen.

„Da sitze ich nun, mit dem Rücken dem Felsen zugekehrt, und freue mich der schönen Aussicht. Tief unten liegt das Städtchen; die Elbe blitzt im Sonnenscheine und gleich Nußschalen schwimmen die Schiffe auf ihr hin. Mir gegenüber erhebt sich der Lilienstein. Aber wir haben die Gegend vor uns, was brauche ich sie Ihnen weiter zu schildern? Ich steige in meiner Spalte weiter. Plötzlich prasselt unter mir etwas den Riß hinunter; mir ist’s, als ob der Felsen wanke – erschreckt halte ich inne. Mein Ruhestein, jedenfalls durch meine Körperschwere gelockert, ist hinuntergestürzt. Einige Minuten früher, und ich lag mit ihm dort am Felsen zerschellt. Ich schaue hinab in die gähnende Tiefe; ein kalter Schauer überläuft mich. – Glauben Sie aber nicht, lieber Herr, daß ich deshalb ängstlich wurde. Schornsteinfeger sind solche Dinge gewohnt und ich kenne überhaupt Furcht nur dem Namen nach.

„Gewaltsam raffe ich mich zusammen und klettere wsiter. Wieder erschwert mir im Spalt wachsendes Gestrüpp meinen Weg. – Vorwärts! – Der Felsenriß wird enger, kaum kann ich mich hindurchwinden; er erweitert sich, ich kann ihn kaum mehr ausspannen. Die Zeit beginnt mir entsetzlich lang zu werden. Mir ist’s, als ob ich schon Tage lang in dieser Spalte, stecke. Wenn mich jetzt Schwindel erfaßt! – Wenn ich ausgleite, rettungslos bin ich verloren! Ich schaue empor, ob ich bald am Ziele. Der Riß windet und krümmt sich, ich kann das Ende nicht erblicken.[1] Ein fieberhaftes Drängen ergreift mich. Höher, höher! – Der Spalt wird weiter und weiter, jetzt kann ich ihn nicht mehr ausspannen, und somit auch nicht weiter klettern. Ueber mir wölbt sich die Brustwehr, sie ragt über den Felsen hervor. Von unten so unbedeutend aussehend, stellt sie sich mir entsetzlich groß, ein unüberwindliches Hinderniß entgegen. Kalter Schweiß rinnt mir über die Stirn. Ich kann nicht weiter. Ich bin verloren und aus der Tiefe schaut der Tod zu mir herauf. Jeder Nerv spannt sich. An die Außenseite des Risses kletternd, beuge ich mich so weit als möglich hervor und spähe umher, ob Rettung möglich. Dort, etwa zwei Ellen von mir, ist ein Felsenvorsprung. Wenn ich ihn erreichen könnte! Ein Vöglein fliegt zwitschernd vorüber und läßt sich auf ihm nieder. Der Vorsprung verläuft sich nach dem Risse zu, so daß er vielleicht eine halbe Elle davon als handbreit vorstehende Felsenkante erscheint. – Könnte das meine Rettungsbrücke werden?

„Ich hatte mich wieder gefaßt. Langsam griff ich hinüber; gleich eisernen Klammern gruben sich meine Finger in die Felsenkante. Jetzt fühlte ich, daß die Hände fest ruhten, und zog nun allmählich den Körper nach. So hing ich an der steilen, gegen 400 Fuß hohen Felsenwand da, mich nur auf die Kraft meiner Finger verlassend. Wider Willen zwang es mich, in die Tiefe zu schauen; ich konnte sie nicht mit dem Auge ausmessen. In diesem Augenblicke der höchsten Gefahr war ich am besonnensten; ich wußte, daß ich das Letzte wagte. Eine Hand der andern nachgreifend, so mit gebogenen Armen weiter klimmend, gelang es mir, mein Ziel zu erreichen. Ich hob mich empor, legte mich mit dem Oberkörper auf den Vorsprung und war gerettet.

„Es währte ziemliche Zeit, ehe ich mich so weit erholt hatte, daß ich an die Vollendung meiner Reise denken konnte. Ich besah mir meinen derzeitigen Aufenthalt. Der Vorsprung ist etwa vier Quadratellen groß. Vor mir erhob sich die fünf Ellen hohe glatte Brustwehr. Sie ist aus großen, in Kalk eingesetzten Sandsteinquadern erbaut; Wind und Wetter haben im Laufe der Jahre den Kalk zwischen den Steinen mehrere Zoll tief ausgewittert. Ich hänge meine Stiefeln wieder um, aber jetzt so, daß sie auf den Rücken zu liegen kommen, greife mit den Fingern in die Steinfugen, setze die Zehen darin ein und steige so an der Mauer in die Höhe. Die obersten Steine sind glatt und schräg gearbeitet und stehen wenigstens eine halbe Elle gleich einem Dache vor. Zwischen diese schräg liegenden Steine, die zum Glück nicht so breit sind, kann ich mit der ganzen Hand hineingreifen. Ich versuche erst, durch eine Schießluke einzusteigen, doch die sind zu glatt ausgearbeitet; ich muß daher über eine Erhöhung zwischen zwei Luken klettern. Mit der rechten Hand mich in einer Fuge festhaltend, gebe ich der linken einen Schwung und suche die innere oberste Mauerkante zu ergreifen. Es gelingt. Ich fasse fest an, ziehe die rechte Hand nach, erhebe den Körper und – schaue in’s Innere der Festung. Mir gegenüber ist ein Haus, dahinter Wald, rechts und links die Schildwachen, die auf mich zukommen. Ein Augenblick ist hinreichend, mich dies sehen zu lassen. Schnell beuge ich mich mit dem Kopfe nieder, um nicht von den Schildwachen bemerkt zu werden.

„Während ich wie eine Schwalbe an der Mauer klebe, mich nur mit den Händen knapp an der Kante haltend, läuten unter mir in der Stadt die Glocken zu Mittag. Da überkam mich das Zittern. – Lieber Herr, wir Schornsteinfeger wissen, was das zu bedeuten hat. Die Kraft wird plötzlich alle, die Sinne schwinden, Hände und Füße ziehen sich krampfhaft zusammen und – im nächsten Augenblicke stürzt man herunter. Da raffe ich meine letzten Kräfte zusammen. Jetzt oder nie! Ein gewaltiger Schwung, ein gewaltiges Heben, und ich bin in der Festung. In demselben Augenblicke durchzuckt mich ein entsetzlicher Schmerz; ein eiserner Pflock, auf den ich gesprungen, drängt sich zwischen die beiden kleinen Zehen meines rechten Fußes und reißt mir die Hälfte derselben weg. Durch den Blutverlust und die Anstrengung erschöpft,, wanke ich noch einige Schritte und sinke dann halb ohnmächtig auf den Rasen hin.

Nach einiger Zeit bemerkte mich die Schildwache. Mein Anzug, aus einem Soldatenfracke, schwarzen Beinkleidern und einer braunen Plüschmütze bestehend, mochte ihr doch etwas feindlich vorkommen.

„Wer da?“ rief mich die Schildwache an. – „Sebastian Abratzky aus Mahlis.“ – „Wie sind Sie hierhergekommen?“ – „Dort herauf.“

Dies schien dem Soldaten Spaß zu machen; indeß meine ganze Erscheinung, die verwundeten Füße, die Blutspuren erregten doch sein Bedenken und er erklärte, mich arretiren zu müssen. Das war gegen meine Berechnung, lieber wollte ich wieder über die Brustwehr den Felsen hinabklettern. Natürlich wurde ich daran verhindert und mußte mich in mein Geschick fügen. Eine Schildwache rief der andern die unerhörte Neuigkeit zu. Die Patrouille kam, zufälligerweise auch der Adjutant, und wir marschirten der Hauptwache zu; voran der Officier, dann ich entblößten Fußes und mit den Stiefeln auf dem Rücken, hinter mir die Wache.

„Ich war auf’s Aeußerste ermattet; der Hunger peinigte mich ganz entsetzlich; ich hatte nur den einen Wunsch, recht bald etwas zu essen. Der Officier, der vor mir herschritt und den ich seines Federhutes halber für den Festungscommandanten hielt, konnte vielleicht zur Befriedigung meines heißesten Wunsches beitragen; ich bat ihn deshalb um etwas Essen. Mein Versuch mißglückte aber, ich erhielt nicht einmal Antwort. Wir kamen zur Wache. Die Kunde meines Wagnisses hatte sich bereits verbreitet und neugierig schauten die Soldaten den kecken Schornsteinfeger an. Alles lief zusammen. Bald erschien der Commandant und nach vorläufigem Verhör wurde ich in die sogenannte Mohrenkammer abgeführt, ein Gefängniß, das besser ist, als der Name vermuthen läßt. Meine Bitte um Essen war doch nicht fruchtlos gewesen – ich brauche Ihnen nicht zu erzählen, daß ich tüchtig zugelangt habe. Der Nachtisch wurde mir aber bitter verdorben. Meine Thür öffnete sich. Ein Officier trat herein, von einem Corporal und dem Schließer begleitet, ich wurde an Händen und Füßen gefesselt. Vergebens betheuerte ich meine Harmlosigkeit; ich weinte und bat. Es half Alles nichts. Die Thür schloß sich und ich war allein mit meiner Kette und meinen Gedanken. Was sollte das werden? Mir bangte vor der Zukunft. Ich erhob die Hand; die Kette klirrte. Beim genauen Besehen derselben fand ich, daß sich die Schelle mit leichter Mühe abstreifen ließ. Jetzt regte sich mein Stolz. Soll ich einmal Fesseln tragen, so mögen es auch solche sein, die mich drücken. Ich rief den Schließer, der bald eine andere Kette brachte.

„Am andern Morgen trieb mich die Langeweile zur abermaligen Untersuchung meines Fußgeschmeides. Das Schloß war ein sogenanntes deutsches; mit Hülfe eines krummgebogenen Nagels gelang es mir, dasselbe zu öffnen, und ich verkündete den draußen stehenden Soldaten, daß ich mich durch die schwarze Kunst fessellos gemacht habe. Eiligst kam der Wachtmeister mit der dritten Kette gelaufen.

„Inzwischen war das Kriegsgericht zusammengetreten und ich wurde vor dasselbe citirt. Auf Befehl des Auditeurs fielen meine Fesseln. Ein scharfes Examen begann. Ich war sehr ruhig und erzählte den Herren einfach das, was ich Ihnen bereits mitgetheilt habe. Im Anfange wollte man wohl meinen, es sei Gefahr vorhanden; man wollte nicht glauben, daß ich einer so geringen Sache halber das Leben gewagt; indeß stellte sich meine Ungefährlichkeit gar bald heraus. Fessellos wurde ich zurückgeführt. Man behandelte mich freundlich und heilte meine verwundeten Füße.

„Zehn Tage nach meiner Gefangennahme erschien in meiner Zelle eine Patrouille, aus einem Corporal und drei gemeinen Soldaten bestehend; draußen erwartete uns der Commandant, in seinem Gefolge der Adjutant, ein Maurermeister und der Wachtmeister. Ich mußte genau die Stelle meines Einsteigens angeben; dann stiegen wir den Felsen auf dem gewöhnlichen Fahrwege hinunter, und auch hier mußte ich den Felsenriß bezeichnen, in dem ich heraufgeklettert war. Zugleich erbot ich mich, die Reise, noch einmal vorzunehmen, wurde aber bedeutet, daß man an der ersten Probe schon genug habe. Ich wurde darauf in das Gefangniß zurückgebracht. – Andern Tags wurde ich abermals vor’s Kriegsgericht gestellt und mir meine Freiheit mit der Bemerkung verkündet, daß ich mich in meine Heimath zu verfügen habe. Die Untersuchungshaft, die nun bereits zwölf Tage gedauert hatte, sollte ich als Strafe für meine Verwegenheit ansehen. Mitleidige Seelen hatten Reisegeld für mich gesammelt. Der Wachtmeister führte mich zum Thore hinaus, gab mir meinen Paß und – ich war wieder ein freier Mann. – Eine lustige, einträgliche Fahrt war aber die Reise in meine Heimath; wo ich hinkam, da mußte ich mein Abenteuer erzählen und dann sammelte man für mich.

„Und nun zum Schluß muß ich Ihnen noch den Beweis geben, daß ich wirklich jener Schornsteinfeger bin.“ – Mit diesen Worten langte er aus seiner Brieftasche einen Paß hervor. Ich las:

„Der hier vom 19. bis heute wegen unbefugten Einsteigens in Arrest gewesene Johann Friedrich Sebastian Abratzky wird nach beendigter Untersuchung über Dresden und Wilsdruff in seine Heimath nach Mahlis gewiesen.

„Festung Königstein, den 31. März 1848.

Das königl. Kriegsgericht daselbst.“

Ich schrieb mir das interessante Actenstück ab, gab dann den Paß zurück, der wieder sorgsam in der Brieftasche verwahrt wurde, und nahm Abschied von dem kühnen Kletterer.

„Glückliche Reise, lieber Herr,“ rief er mir zu, als das Dampfboot bei Pillnitz anlegte, und bald war er meinen Blicken entschwunden.

 

Titel: Die einzige Eroberung des Königsteins
aus: Die Gartenlaube, Heft 12, S. 171-174
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Erscheinungsdatum: 1859
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