Der graue Sünder zu Dresden

Wenn man vom Dippoldiswaldaer Platze die große Oberseergasse geht, so trifft man da, wo sonst ein Communbrunnen stand, ein Grundstück, mit der Straßennummer 32, welches seit langen Jahren den sonderbaren Namen „der graue Sünder“ führte; früher lag darauf die Gasthofsgerechtigkeit und es diente für die Oberseeergemeinde (als noch die große Oberseergasse den Namen „Kälbersteig“ führte) als Tanzlocal, es ward aber 1843 in ein gewöhnliches Miethhaus umgewandelt.

Dieses frühere Tanzhaus befand sich in dem noch jetzt stehenden Hintergebäude, das nicht eben groß, nur eine Treppe hoch und auch nicht alt war, hinter ihm befindet sich ein sehr schmaler, aber langer Garten, welcher sich bis zum Grundstücke des H. Lohnkutscher Winkelmann auf der Gr. Reitbahnstraße erstreckte und an seinem Ende ein Gartenhäuschen trug, das so merkwürdig gebaut war, als habe Jemand zwei Häuschen mit ihren Langseiten dicht zusammengeschoben.

Dieses Gartenhäuschen war eigentlich der graue Sünder, nicht das ganze Grundstück. Wie es jetzt steht, ist es indeß erst im J. 1826 erbaut worden, doch hat an seiner Stelle früher ein ähnliches gestanden, von dem die spätere Zeit, welche alle Romantik abstreift, erzählte, es habe seinen Beinamen davon erhalten, weil im vorigen Jahrhundert daselbst ein liederliches Frauenzimmer gewohnt, welches hier gottlose Streiche, namentlich mit alten Männern, verübt habe. Die Volkssage aber weiß es anders und berichtet Folgendes darüber:

 

In uralten Zeiten, als Dresden noch sehr klein war, ging dort eine Straße nach dem Seethore. Da wanderte einst ein Mann mit drei Söhnen in die Stadt ein, der angeblich vor den Greulthaten der Hussiten geflohen war. Derselbe wandte sich mit der Bitte an den Markgrafen von Meißen, ihm zu gestatten, sich auf dem diesem Fürsten gehörigen Lande am sumpfigen See anzubauen und gegen einen Zins ein Gasthaus anzulegen, wo die, welche des Nachts nach der Stadt kämen und nicht mehr ins Thor eingelassen würden, Einkehr finden könnten.

Dies ward ihm gestattet und so ward das Haus zu einer viel besuchten Herberge. Inzwischen erlernten die Söhne des Gastwirths das Fleischerhandwerk und zogen in die Fremde. Da kommt eines Abends bei einem greulichen Unwetter ein fremder Fleischer noch in die Herberge, bittet um Aufnahme und zählt, während der Wirth auf der Ofenbank eingenickt scheint, seine Baarschaft. Hierauf geht er zu Bett.

Kaum eingeschlafen, erhebt sich im Hause ein kleines Geräusch, als wenn Jemand in die Stube des Fremden käme, derselbe erwacht bei einem heftigen Donnerschlage und siehe, da steht der Wirth vom Blitz beleuchtet mit geschwungener Axt vor ihm, um ihm den Kopf zu spalten. Furchtbar erschreckt springt jener aus dem Bette, entreißt dem Alten die Axt und schlägt denselben damit nieder, eilt die Treppe herab, riegelt das Thor auf und läuft nach dem Seethor um Hülfe rufend.

Man läßt ihn ein und nachdem er erzählt, was ihm widerfahren, so geht ein Theil der Thorwächter mit ihm nach dem Mordhause, findet den Besitzer verwundet, aber auch seine eben von der Wanderschaft zurückgekehrten drei Söhne. Nachdem man alle in Ketten gelegt, gestehen diese, daß schon als sie noch zu Hause gewesen, es in ihres Vaters Hause und Garten gespukt habe.

Man untersucht das Gartenhäuschen, und findet in den Dielen eine Fallthüre eingeschnitten, und als man sie öffnet, unter derselben in einem Loche mehrere Leichen. Nun half kein Leugnen, der graue Sünder gestand, er habe die oft des Nachts bei ihm Einkehrenden, wenn er Geld bei ihnen vermuthet, erschlagen und an jener Stelle die Körper derselben so lange versteckt, bis er sie im Garten vergraben konnte, und dasselbe habe er auch an jenem Abend mit dem Fleischer beabsichtigt.

Man machte nicht viel Umstände mit ihm, er ward gehängt und sein Körper aufs Rad gelegt, seine unschuldigen Söhne aber aus der Stadt verwiesen und das Haus, welches später zur Stadt gezogen ward, behielt von dem Mörder spottweise den Namen „grauer Sünder“.

Autor: Johann Georg Theodor Grässe
Titel: Der graue Sünder zu Dresden
aus: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 1. S. 121–123

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